Wie gehen wir an unseren Schulen mit Künstlicher Intelligenz um? Welche Chancen bietet sie für das Lernen? Wo müssen wir bewusst Grenzen ziehen? Und welche Verantwortung trägt Schule, wenn technologische Entwicklung schneller ist als gesellschaftlicher Konsens? Mit diesen Fragen haben sich in den vergangenen Monaten Schülerinnen und Schüler aus den Stiftungsschulen im Rahmen des Projekts AI Horizon beschäftigt. Was im September 2024 in Seminarkursen und Arbeitsgemeinschaften begann, fand nun vom 10. bis 12. Juli 2025 seinen gemeinsamen Abschluss in Sankt Blasien – mit einem dreitägigen Arbeitstreffen, das Austausch, Diskussion und die Formulierung einer gemeinsamen Resolution miteinander verband.
Der Auftakt am Donnerstagabend gab den Ton vor: Die Teilnehmenden präsentierten erste Projektergebnisse im Festsaal des Kollegs. Was die Jugendlichen im Lauf des Jahres erarbeitet hatten, war beachtlich – durchdacht, differenziert und geprägt von einer großen Ernsthaftigkeit im Umgang mit den ethischen, pädagogischen und gesellschaftlichen Fragen rund um KI. Der Tagesabschluss im Dom bot Raum zur Reflexion und Einstimmung.
Am Freitag wurde es konkret. Nach einem gemeinsamen Start im Plenum arbeiteten die Jugendlichen in vier thematischen Ausschüssen weiter – begleitet von Lehrkräften und dem Projektteam. Ein digitaler Austausch mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Bildung brachte zusätzliche Perspektiven ein. In den Arbeitsphasen wurde intensiv diskutiert, formuliert, gestrichen, neu gedacht. Der Tag klang bei einem Abendessen im Innenhof aus.
Am Samstagvormittag wurden die Ergebnisse im Festsaal vorgestellt. Lesungen einzelner Abschnitte der Resolution, die Ergebnisse der vier Ausschüsse, wurden Satz für Satz, Abschnitt für Abschnitt gelesen und abgestimmt. Manches wurde noch verändert oder eingefügt, wenige Abschnitte haben es nicht in die Abschlusstext geschafft. Die so vom Plenum des Schülerparlaments verabschiedete Resolution wurde dann im Anschluss virtuell an Stiftungsdirektor Patrick Krug und an die UNESCO überreicht.
In der Resolution fordern die Schülerinnen und Schüler, den Umgang mit Künstlicher Intelligenz in der Schule nicht länger aufzuschieben. KI sei längst Teil ihres Alltags – nun müsse Schule den Rahmen schaffen, um einen souveränen und verantwortungsvollen Umgang damit zu erlernen. Das Papier schlägt unter anderem regelmäßige Workshops zur kritischen Medienkompetenz vor – mit Fokus auf Datenverantwortung, Kennzeichnung von KI-Nutzung und altersgerechter Aufklärung über Funktionsweise und Risiken. Auch Lehrkräfte müssten Zeit und Raum zur Auseinandersetzung bekommen. Gefordert werden gezielte Fortbildungsangebote, die pädagogisches Handeln im Kontext von KI stärken.
Ein weiterer Punkt betrifft die technische Ausstattung. Die Jugendlichen wünschen sich einheitliche schulische Endgeräte – als Beitrag zu mehr Chancengleichheit, aber auch zur pädagogisch begleiteten Nutzung von KI-Anwendungen. Eine altersdifferenzierte Öffnung bestimmter Tools wird ebenso angeregt wie deren konsequente ethische Reflexion. Auch das Lernen im Diskurs soll gestärkt werden: Debattenformate – etwa im Fach Medienbildung – können helfen, digitale Mündigkeit zu fördern. Die Stimme der Schülerschaft müsse in diesen Prozessen gehört werden. Nicht zuletzt wird der Ausbau der digitalen Infrastruktur, insbesondere der WLAN-Versorgung, als notwendige Grundlage für all das benannt.
Stiftungsdirektor Patrick Krug zeigte große Wertschätzung für das Engagement der Jugendlichen und unterstrich zugleich die strategische Bedeutung des Themas für die Schulstiftung. „Wir erleben alle gerade die transformative Kraft von Künstlicher Intelligenz in Wirtschaft und Gesellschaft – und eben auch in der Schule. Das Thema KI ist bereits jetzt viel mehr Teil eures Alltags als Schülerinnen und Schüler, als sich das manche Schulbehörde vorstellen kann“, so Krug. Mit Blick auf die Entwicklungen der letzten Jahre betonte er: „Spätestens mit dem breiten Start von ChatGPT war klar: Wir müssen uns diesem wichtigen Thema stellen, um unserem Bildungsauftrag heute und auch morgen gerecht zu werden.“
Entscheidend sei, so Krug weiter, die Auseinandersetzung auf der Basis christlicher Werte zu führen: „In einem Bereich, in dem Regulierung und gesellschaftliche Debatte mit der technischen Entwicklung nicht Schritt halten können, ist es unabdingbar, zügig, mit großer Umsicht und gemeinsam mit allen Beteiligten aktiv zu werden. Wohl dem, der dabei auf ein solides Wertefundament zur Orientierung zurückgreifen kann.“ Er versprach, die übergebene Resolution sorgfältig zu prüfen und in die Arbeit an EDU360°, dem Digitalisierungsprojekt der Schulstiftung, einzubeziehen. Dort sollen künftig auch sichere, pädagogisch durchdachte KI-Lösungen angeboten werden – nicht als Selbstzweck, sondern als Beitrag zur grundlegenden Frage: Wie wollen wir in Zukunft lernen?
Krug dankte allen Beteiligten für ihr Engagement – den Schülerinnen und Schülern für ihre Perspektiven, den Lehrkräften für ihre Begleitung und dem Projektteam, insbesondere Kai Stenull vom Zentrum für Ignatianische Pädagogik (ZIP), für Konzeption und Umsetzung von AI Horizon.
AI Horizon war jedoch weit mehr als dieses Abschlusswochenende. Es war ein Schuljahr voller Auseinandersetzung, Fragen, Perspektivenwechsel und gemeinsamer Verantwortung.
Das Projekt hat gezeigt, was möglich ist, wenn Schülerinnen und Schüler eingebunden werden. Ein wesentliches Element war dabei die AI Horizon-App – ein KI-gestützter Lernassistent, der die Jugendlichen im Alltag begleitet, kritische Medienkompetenz stärkt und ethische Fragestellungen greifbar macht. Entwickelt wurde die App gemeinsam mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern, Universitätspartnern und dem aihorizon R&D-Team.
Technologisch basiert sie auf der sicheren Microsoft Azure-Umgebung – und steht beispielhaft für den Anspruch, KI nicht nur zu nutzen, sondern verantwortungsvoll, pädagogisch fundiert und wertebasiert in die Bildung zu integrieren.
AI Horizon ist damit Teil einer größeren Vision: Es zeigt, wie Schule im digitalen Wandel gelingen kann – dialogisch, interdisziplinär und mit Haltung. Und es macht deutlich, dass Schülerinnen und Schüler nicht nur Zielgruppe, sondern aktive Mitgestaltende dieser Zukunft sind.